Nationalpark Eifel - ein Erfolgsprojekt droht abzustürzen
Der Nationalpark - bisher noch eine ErfolgsstoryAm 01.01.2004 wurde der erste und bisherige einzige Nationalpark in NRW, der Nationalpark Eifel, nach nur zwei Jahren Vorlauf Realität. In den drei Jahren seit seiner Ausweisung wurde viel erreicht. Beispielhaft seien hier nur einige Punkte genannt:
- An vielen Orten lässt sich eine von Menschen weitgehend unbeeinflusste Naturentwicklung bereits beobachten. Naturferne Waldformen sind auf dem Rückzug.
- Der Nationalpark genießt bei der ortsansässigen Bevölkerung nach wie vor eine hohe Akzeptanz. Der Förderverein Nationalpark Eifel e. V. hat die im Vergleich zu allen anderen 14 deutschen Nationalparken höchste Mitgliederzahl.
- Der Nationalpark hat der Region einen Imagegewinn gebracht. und damit auch der touristischen Entwicklung neue Impulse gegeben. Dies schlägt sich in steigenden Besucherzahlen nieder.
- Eine funktionierende Nationalparkverwaltung ("Nationalparkforstamt") arbeitet seit der Gründung des Parks.
- Es sind sog "Nationalparktore" als hochwertig ausgestattete Anlaufpunkte für BesucherInnen in Gemünd, Rurberg und Heimbach eingerichtet. Hinzu kommt eine Vielzahl weitere nationalparkbezogener Service- und Informationseinrichtungen.
- Im Zusammenhang Nationalpark hat sich eine Vielzahl von Projekte, Initiativen usw. entwickelt.
Vorrang für die Natur
Nicht nur aufgrund der Vorgaben der IUCN, des Bundesnaturschutzgesetzes, des Landschaftsgesetzes NRW und der Nationalparkverordnung gilt der absolute Vorrang der Natur bei allen weiteren Maßnahmen der Entwicklung des Nationalparks. Schließlich ist ein Nationalpark die höchste Schutzkategorie, die das Naturschutzrecht kennt. Langfristig kann auch der Nationalpark Eifel nur erfolgreich sein, wenn es tatsächlich gelingt, das Motto der Nationalparke "Natur Natur sein lassen" oder - wie das Bundesnaturschutzgesetz formuliert "Nationalparke haben zum Ziel, im überwiegenden Teil ihres Gebietes den möglichst ungestörten Ablauf der Naturvorgänge in ihrer natürlichen Dynamik zu gewährleisten" - umzusetzen. Der "Nationalparkverträglichkeit" hat sich die Arbeit aller Beteiligter im und am Nationalpark unterzuordnen. Ein Nationalpark, der dem Anspruch an die Natürlichkeit nicht gerecht wird, wäre langfristig und unwiderruflich zum Scheitern verurteilt.
Deutliche Fehlentwicklungen
Leider zeigt sich zunehmend eine Gesamtentwicklung im Nationalpark Eifel, die genau diese Grundsätze vernachlässigt. Bei einer Vielzahl von Einzelentscheidungen haben die Nationalparkverantwortlichen gegen die Interessen der Natur und für die Interessen von NutzerInnen entschieden. Offensichtlich vor allem auf Druck von Kommunen und NutzerInnengruppen hat sich eine Mentalität entwickelt, die den Nationalpark feiert, gleichzeitig aber seine Schutzfunktionen systematisch aushöhlt. Die Verantwortung für den Nationalpark und seine Entwicklung trägt die NRW-Landesregierung.
Die Liste der Fehlentwicklungen im Nationalpark Eifel ist lang. Hier nur einige schlaglichtartige Ausführungen dazu:
- Der beschlossene Wegeplan umfasst auf 110 qkm Nationalparkfläche insgesamt 240 km offizielle Wanderwege - das mehr als die Strecke Köln-Frankfurt. Ein Teil der Wege sind zusätzlich als Radfahr- und Reitwege nutzbar. Außerdem gibt es mehrere ausgewiesene Skiloipen. Hinzukommen noch eine Reihe von "unbeworbenen Wegen für örtliche Bevölkerung". Darüber hinaus wird das Nationalparkgebiet auf Dutzenden Kilometern von Bundes-, Landes- und Kreisstraßen zerschnitten. Diese Wegekorsett spiegelt in weiten Teilen die Interessen von Kommunen und Nutzergruppen wider, während naturschutzfachliche Bewertungskriterien bei der Festelegung von Wegstrecken hinten angestellt wurden. Die Folge ist, dass es im Nationalpark Eifel größere Ruheräume, die für den Schutz bedrohter Tierarten wie Rothirsch, Luchs, Wildkatze, Schwarzstorch u. a. erforderlich wären, weitgehend fehlen. Wie sich das auswirkt, zeigt sich am deutlichsten auf dem Gebiet des ehemaligen Truppenübungsplatzes. Die eingerichteten Wege führten zu massiven Störungen der Rothirsche, die vor der Öffnung hier tagaktiv waren. Heute sind Rothirsche tagsüber kaum noch zu beobachten. Damit ist eine entscheidende Besucherattraktion - die Erlebbarkeit von Rotwild am Tage - durch eine nicht nationalparkverträgliche Wegeplanung auf unabsehbare Zeit zunichte gemacht worden.
- Auf dem Gebiet des ehemaligen Truppenübungsplatzes auf der Dreiborner Hochfläche sollen ohne Not große Areale künstlich offen gehalten werden (dauerhaftes Management). Verträge mit Schafhaltern wurden verlängert oder neu geschlossen. Das ist mit dem Nationalparkgedanken und seinen Zielen (Waldnationalpark!) schwer vereinbar, zumal weitere Flächen per se einem dauerhaft Management unterliegen müssen (Urftsee, Narzissenwiesen, Wildniswerkstatt, Straßen, Wege, Leitungen usw.). Der Flächenzuschnitt erfolgte so, dass gerade so eben - aber auch nicht mehr - das IUCN-Kriterium "75 % der Fläche ohne dauerhaftes Management" erfüllt wird.
- Bis heute - vier Jahre nach der Gründung des Parks - ist die Landesregierung nicht in der Lage oder Willens gewesen, die Bundesflächen (etwa ein Drittel der Gesamtfläche) in ihr Eigentum zu übernehmen. Das ist besonders unverständlich, weil der Bund allen Ländern ansonsten naturschutzwürdige Flächen im Rahmen des Projekts "Nationalen Naturerbes" zur Verfügung stellt. Die ungeklärten Eigentumsverhältnisse haben für den Nationalpark Eifel fatale Konsequenzen: Es wird z. B. von der Bundesvermögensverwaltung nach wie vor in Teilbereichen Holz eingeschlagen und abgefahren. Außerdem hat die Nationalparkverwaltung hier kein Hausrecht. Die Folge besonders auf den Offenflächen ist illegales Betreten außerhalb der Wege, ja sogar das Befahren mit Geländewagen und -motorrädern.
- Direkt angrenzend zum Nationalpark soll eine ehemalige Panzerstraße zur Umgehungsstraße für die Ortschaft Dreiborn ausgebaut werden. Durch diese Straße wird der Park zusätzlich mit Lärm und Abgasen belastet, und es werden weitere Zerschneidungseffekte für wandernde Tierarten geschaffen.
- Die Verordnung zur "Wildbestandregulierung" ermöglicht mit dem Argument "Waldentwicklung durch Schutz vor Verbissschäden" faktisch eine normale Jagdausübung auf einem Großteil der gesamten Nationalparkfläche. Überall im Nationalpark finden sich neue, z. T. mobile Jagdkanzeln. Das ist mit den Zielen des Nationalparks nicht vereinbar, denn ein Nationalpark sollte eigentlich ohne Jagdnutzung sein. Natürliche Waldentwicklung und ein sich so weit wie möglich selbst regulierender Großwildbestand gehören zusammen. Schon gar nicht nachvollziehbar ist der Abschuss von Rehwild, obwohl dieses kaum einen Einfluss auf die Waldentwicklung hat.
- Auf den Wiesenflächen der Abtei Mariawald - mitten im, aber nicht zum Nationalpark gehörig - soll ein Wisent-Gehege errichtet werden. Dabei sollen auch 40 ha Nationalparkwaldfläche in Anspruch genommen werden. Eine künstliche Gehegehaltung von Wisenten ist gleichbedeutend mit einer Zerstörung dieser geschützten Waldflächen. Eine Gehegehaltung von Wisenten als Touristenattraktion kann nur außerhalb des Nationalparks stattfinden. Schon die notwendige Errichtung von Zäunen widerspricht den Zielen des Nationalparks.
- Am Urftsee, der größtenteils seit dem Zweiten Weltkrieg nicht beangelt wurde, soll auf Druck entsprechender Nutzergruppen der Angelsport erlaubt werden. Die Nationalparkverordnung sieht das Gegenteil vor. Die Ausübung des Angelsports bringt nicht nur Störungen der Tierwelt am Seeufer mit sich, sondern sie würde auch motorisierten Verkehr auf dem Urftseeweg nach sich ziehen.
- Im Nationalpark wurden mehrere fragwürdige Baumaßnahmen durchgeführt bzw. sind geplant. So stellen monströse Felssicherungsmaßnahmen mit Beton und Stahl einen schweren Eingriff in die sensiblen Felslebensräume des Nationalparks dar. Damit wird die Gefährdung von bedrohten Arten wie Uhu und Mauereidechse in Kauf genommen, mit denen der Nationalpark wirbt und die nur hier vorkommen. Ähnlich fragwürdig sind eine Reihe von auf Fahrzeugbreite angelegten und mit angeliefertem Schotter befestigte Wegebaumaßnahmen bei Wollseifen, Düttling oder Wahlerscheid. Die derzeit laufende Planung einer Stahl- oder Aluminiumbrücke über den Urftsee lässt eine zusätzliche Beruhigung der Tierwelt des Sees befürchten. Ob ein solches Bauwerk zum Image eines Waldnationalparks passt, darf man bezweifeln.
- Der notwendige Waldumbau - das betrifft vor allem die Entfernung der standortfremdem Fichten und Douglasien - erfolgt auch nach kommerziellen Gesichtspunkten. Durch Holzverkauf erwirtschaftet die Nationalparkverwaltung Einnahmen von bis zu 1 Mio. Euro pro Jahr. Leider auf Kosten einer schonenden Waldentwicklung: Die Bäume werden von Unternehmen mit schwerem Gerät (z. B. Harvester und Rückezüge) geschlagen und abgefahren, statt dass das Holz im Wald verbleibt. Die Folge sind Kahlschlagsflächen mit durch bis 50 cm tiefen Fahrspuren zerstörte Bodenstrukturen. Die Wege säumen riesige Holzstapel. In einem Nationalpark würde man das eigentlich nicht erwarten.
- Der Nationalpark wird von zahlreichen Bundes- Landes- und Kreisstraßen durchzogen. Weitere Straßen grenzen unmittelbar an den Park an. Diese Straßen stellen für viele Tiere im Park ein unüberwindbares Hindernis und eine Gefahr dar. Sie sind aber auch Quelle von Schadstoff- und Lärmemissionen. Besonders an Wochenenden fahren tausende Autos und Motorräder durch den Nationalpark. Es gibt praktisch keinen Ort im Park, der nicht von Lärmemissionen dieses Straßenverkehrs belastet wäre. Ruhe und Stille suchen Besucher dann vergebens. Vorsichtige Überlegungen der Nationalparkverwaltung, z. B. an Wochenenden die L 15 (Kermeterhöhenstraße) für den Verkehr zu sperren, wurden von Landes- und Kommunalpolitikern im Keim erstickt. So rollt die Autolawine im Nationalpark ungebremst weiter.
- Das Gelände der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang liegt mitten im Nationalpark Eifel. Auch wenn das Gelände formal nicht zum Park gehört, müssen mögliche Nutzungen nationalparkverträglich und der Historie des Ortes angemessen sein. Doch die Praxis sieht anders aus: Die Errichtung von Kartbahnen, Campingplätzen, Reiterhöfen usw., wie im Masterplan Vogelsang ip angedacht, sind zwar bisher nicht zum Tragen gekommen, doch werden sie von den Verantwortlichen für die Zukunft keineswegs ausgeschlossen. Konkret geplant wird aber ein 9-Loch-Golfplatz mit Hotel und Schule. Statt die vorhandene Bausubstanz zu nutzen, sind für weitere Nutzungen Neubauten geplant. Das Gelände ist für den Autoverkehr geöffnet und Planungen sehen in unmittelbarer Nähe zum Kern der ehemaligen NS-Ordensburg, dem Adlerhof, die Anlage eines Großparkplatzes vor. Langfristig droht auf Vogelsang die Entstehung eines Freizeitparks, der mit den Zielen des umgebenden Nationalparks nicht in Einklang zu bringen ist.
Landesregierung lässt Nationalpark verkommen
Ein Nationalpark ist die höchste Schutzkategorie des deutschen Naturschutzrechts. Ein Nationalpark dient deshalb zuallererst dem Schutz der Natur. Dabei steht der Prozessschutzgedanke ("Natur Natur sein lassen.") im Vordergrund. Nutzungen sind nur dann akzeptabel, wenn sie den Park und seine Tier- und Pflanzenwelt nicht gefährden.
Doch genau diese Prioritäten scheinen beim Nationalpark Eifel aus dem Blick geraten zu sein. Auf Kosten der Natur wird allenorten Nutzungsinteressen nachgeben. Es wäre zuvorderst die Aufgabe der NRW-Landesregierung, das Nationalparkforstamt als ihr nach geordnete Behörde zur strikten Beachtung der Schutzinteressen anzuhalten und im Konflikt mit NutzerInneninteressen den Rücken zu stärken. Doch das geschieht nicht - im Gegenteil - es mehren sich die Hinweise, dass auch von Seiten der Landesregierung Druck ausgeübt wird, Schutzinteressen im Nationalpark aufzuweichen. Dem Nationalpark Eifel, bei seiner Gründung vor vier Jahren das Naturschutzprojekt in NRW, begegnet die schwarz-gelbe Landesregierung ansonsten mit weitgehenden Desinteresse und lässt ihn so verkommen.
Ohne Natur scheitert Nationalpark auch touristisch
In der Region vermarktet man nur allzu gern das Label "Nationalpark" - bis jetzt mit großem Erfolg. BesucherInnen wird eine Wildnisillusion vermittelt. Dieses touristische Konzept kann auf Dauer nur funktionieren, wenn die Menschen tatsächlich den Eindruck haben, dass die Entwicklung von Natur im Nationalpark Eifel oberste Priorität genießt. Doch BesucherInnen, die im Nationalpark über vollautomatische Harvester beim Kahlschlag staunt, an keiner Stelle des Parks dröhnendem Autolärm entfliehen können, sich über querfeldein fahrende Geländewagen und Texel-Schafherden auf der Dreiborner Hochfläche wundern, angesichts von Betonbauwerke in Felsbiotopen, Anglern am Urftsee, Golfspielern auf Vogelsang, Jagdkanzeln an jeder Ecke und Wanderwegen im 200-Meter-Abstand den Kopf schütteln - diese BesucherInnen werden ihre Nationalparkillusion bald abhanden kommen. Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Nationalpark Eifel scheinbare Einzigartigkeit und seine touristische Attraktivität verliert.
Ein Nationalpark, der der Natur nicht die oberste Priorität einräumt, ist auch touristisch zum Scheitern verurteilt. Noch ist der Nationalpark Eifel ein Erfolgsprojekt für Natur und Mensch. Doch wenn die Verantwortlichen in der Landesregierung nicht bereit sind, die begonnen Fehlentwicklungen zu korrigieren, droht das Erfolgsprojekt "Nationalpark Eifel" abzustürzen.


