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13. April 2008

Gegen das schwarz-gelbe Turbo-Gymnasium - Schule darf nicht krank machen

I. Dank G 8: Druck, der krank macht

Die schwarz-gelbe Landesregierung hat mit ihrem Modell der Schulzeitverkürzung - dem so genannten G 8 - den Druck an den Gymnasien massiv erhöht. Schon ab der fünften Klasse haben Schülerinnen und Schüler deutlich mehr Unterricht als früher. Tage mit sieben oder acht Unterrichtsstunden auch bei den Jüngsten sind zum Normalzustand geworden. Zur täglichen Aneinanderreihung der Unterrichtsstunden muss der gleiche Stoff wie vor der Schulzeitverkürzung, allerdings in kürzerer Zeit, gepaukt werden. Hinzu kommen Hausaufgaben und das Lernen für Klausuren und Tests.

 

Damit haben die Schülerinnen und Schüler einen Alltag, der einem gut beschäftigen Erwachsenen alle Ehre machen würde. Für Hobbys, für persönliche Interessen oder für ehrenamtliches Engagement bleibt dabei keine Zeit. Kinder und Jugendliche an den Gymnasien werden durch das schwarz-gelbe Turbo-Gymnasium um die Zeit für Freundinnen und Freunde, um notwendige Entspannung und Muße, ja in großem Maße auch um ihre Kindheit gebracht. Jugendtherapeutinnen und Jugendtherapeuten berichten von zunehmender Schulangst und von der Ausweitung psychosomatischer Beschwerden bei Kindern und Jugendlichen, die im direkten Zusammenhang mit dem zunehmenden Druck an den Gymnasien stehen.
Für uns Grüne ist klar: Schule darf nicht krank machen!   

  

II. Dank G 8: Noch mehr soziale Spaltung im Schulsystem

Der Druck durch lange Unterrichtstage und Stoffverdichtung kommt unvermittelt in den Familien an. Die Notwendigkeit, dass Eltern bei den Hausaufgaben helfen, ist enorm gestiegen. Der kommerzielle Nachhilfemarkt boomt wie nie.  Das unüberlegte und übereilt eingeführte G 8 führt unweigerlich zu einer zusätzlichen Benachteiligung von Schülerinnen und Schüler, deren Eltern ihre Kinder nicht selbst unterstützen und die sich keine professionelle Nachhilfe für ihre Kinder leisten können. Damit verschärft das Turbo-Gymnasium die soziale Spaltung in unserem Schulsystem, die wir Grüne überwinden wollen.

 

III. Dank G 8: Kahler Ganztag durch die Hintertür

Mit dem G 8 der Landesregierung ist ein  "kahler Ganztag" an Gymnasieneingeführt worden. Es fehlen Küchen und Mensen und damit die Gelegenheit, in entspannter Atmosphäre ein warmes Mittagessen zu sich zu nehmen. Es fehlen aber auch vernünftige Pausenregelungen und Räumlichkeiten, um dem schulischen Alltag eine andere Struktur zu geben, in der sich Unterricht und andere Aktivitäten wie Sport, Stunden zu Entspannung oder auch Angebote in Kooperation mit außerschulischen Partnern abwechseln.
Es fehlen auch die notwendigen Lehrerstellen, es fehlen Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, es fehlt multiprofessionelles Personal an den Gymnasien, um den Ganztag sinnvoll zu gestalten.

 

IV. Schulzeitverkürzung kann gelingen

Mit ihrem Schulgesetz haben CDU und FDP aus rein ideologischen Gründen ein bundesweit anerkanntes, von SPD und Grünen beschlossenes Modell der Schulzeitverkürzung zurückgenommen.  Die rot-grüne Schulzeitverkürzung hätte insbesondere die jüngeren Schülerinnen und Schüler nicht belastet. Zudem wäre durch die Beibehaltung der sechsjährigen Sekundarstufe I an allen Schulformen die Durchlässigkeit zwischen den Schulformen gewahrt worden. Durch CDU und FDP wurde das Gymnasium von den anderen Schulformen abgekoppelt und die Durchlässigkeit damit zerstört. Damit werden Lebens- und Lernchancen von Kindern und Jugendlichen unnötig beschnitten.

 

Wie mit der rot-grünen Schulzeitverkürzung vorgesehen, brauchen die Schulen ein Organisationsmodell, das den unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten und Entwicklungsschritten der Kinder und Jugendlichen Rechnung trägt und eine Flexibilisierung der Lernzeiten ermöglicht. In einem solchen Modell kann der zwölfjährige Weg zum Abitur der Regelfall sein, Schülerinnen und Schüler, die mehr Zeit brauchten, müssen jedoch weiterhin auch nach 13 Schuljahren zum Abitur geführt werden.

Als Grüne fordern wir eine Schulzeitverkürzung, die sicherstellt, dass kein Druck auf die Kinder und Jugendlichen entsteht, der eine ernste Gefahr für ein gelingendes Aufwachsen, eine glückliche Kindheit und letztlich auch für ein erfolgreiches Lernen in der Schule bedeutet. Die nun von der Schulministerin angekündigten kosmetischen Korrekturen reichen bei weitem nicht aus. Um erfolgreich zu sein, muss eine Schulzeitverkürzung folgenden Kriterien entsprechen:

  • Einbindung in eine breite gesellschaftliche Diskussion über die Inhalte der Lernpläne
  • Reduzierung der Unterrichtsinhalte und ihre Verankerung in Kerncurricula,
  • Aufarbeitung der Kerncurricula in entsprechenden Unterrichtsmaterialien,
  • Ausbau in der Sekundarstufe I zur echten Ganztagsschule für alle Schülerinnen und Schüler in allen Schulformen, auch am Gymnasium, auch mit der dafür notwendigen Personalausstattung
  • Umgestaltung des schulischen Alltags durch eine neue Rhythmisierung und individualisierende Lernformen,
  • Verankerung eines Rechts auf eine warme Mahlzeit für alle Schülerinnen und Schüler im Schulgesetz,
  • Öffnung der Schulen der Sekundarstufe I in ihrem Umfeld für Kooperationen mit außerschulischen Partnern,
  • Wahrung der Durchlässigkeit zwischen den Schulformen,
  • Flexibilisierung von Lernzeiten,
  • Einstellung und Einbindung multiprofessionellen Personals

Die Landesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen in NRW fordert die Landesregierung auf, die misslungene Schulzeitverkürzung zu korrigieren und stattdessen eine schülerInnengerechte Schulzeitverkürzung anhand der genannten Kriterien zu entwickeln.

 

Wir fordern die Landesregierung auf, Sofortmaßnahmen zu ergreifen, um umgehend den massiven Druck aus den Gymnasien zu nehmen. Hierzu gehören der Ausbau des Ganztages an den Gymnasien, die Entschlackung der Lehrpläne und die Schaffung einer Wahlmöglichkeit für Eltern, ihr Kind auch in 13 Jahren zum Abitur zu führen.